2015

Ein Jahr mit großem Programm

Dialog und Stadtbesetzung

Die Wegmarke 2015, "Dialog", könnte man gleichzeitig zum Programm der Kunstwerkstatt erklären. Im Gegensatz zum Monolog, der Rede des Einzelnen, ist uns das Miteinander, der Austausch und die Meinungsvielfalt wichtig. Angenehmer Nebeneffekt: Das Thema ließ viele Variationen zu. Entsprechend bunt und unterschiedlich fielen die Beiträge aus.

Eine neue Möglichkeit, sich mit Kunst im öffentlichen Raum auseinander zu setzen, war die Stadtbesetzung mit verschiedenen Projekten. Einige der Sohle 1-Mitglieder stellten sich der neuen Herausforderung.

Bild Frauen beim Wäschefalten
Annette Schulze-Lohoff und Hannelore Nierhoff bei ihrer Performance ohne Worte, auch eine Form des Dialogs.

Jahresausstellung mit vielen Varianten einer Wegmarke

Vielfalt im Miteinander

Gemalt, gezeichnet, modelliert, gemeisselt oder aus Objekten installiert - die Inspiration zum Thema "Dialog" bewies, dass die Mitglieder der Kunstwerkstatt aus völlig unterschiedlichen Positionen an ihre Arbeit herangehen. Hier ein paar Beispielfotos der Vernissage.

Röhrende Hirsche mal anders - mit Neonbeleuchtung und auch sonst aus einer anderen Welt. Silke Kieslich erinnerte an die Aktion "Alte Schinken gegen Kunst." der 70er Jahre.
Röhrende Hirsche mal anders - mit Neonbeleuchtung und auch sonst aus einer anderen Welt. Silke Kieslich erinnerte an die Aktion "Alte Schinken gegen Kunst." der 70er Jahre.
Bild Installation
Ein Flügel-Altar von Reinhard Richter mit Symbolen der großen Religionen .

Künstler besetzen die Stadt Bergkamen

Das ganz normale Leben im Tanz

 

It's just a walk“ - so der Titel der ersten Tanz-Performance im Wasserpark. Doch „ nur ein Spaziergang“ war die von Daniel Medeiros erarbeitete Choreographie zumindest für die neun teilnehmenden Laien-Tänzerinnen nicht. Immerhin gingen der Aufführung zwei Monate wöchentlicher Proben voraus.

 

Neben dem aus Brasilien stammenden Absolventen der Folkwang-Universität machten drei weitere junge Profis mit: Yara Eid, Lena Rabe und Luisa Saraiva, ebenfalls (Ex-) Studentinnen der berühmten Essener Kunsthochschule. Die Amateurinnen waren Karin Felgenhauer, Ulla Kallert, Angelika Kleiböhmer, Elisabeth Kramer, Gaby Pickmann-Rüthing, Susanne Zapf, Nina Kobald und die beiden Sohle 1-Mitglieder Silke Kieslich und Monika Zybon-Biermann.

 

Statt in Ballettschuhen wurde in Gummistiefeln getanzt. Der Grund: Der „Walk“ begann im großen Wasserbecken des Parks und sollte trockenen Fußes an Land weitergehen. Bewegungsfolgen thematisierten alltägliche Verrichtungen. Gemeinsame, aber auch individuell unterschiedliche Aktionen wechselten sich mit Gruppenbildern ab, in denen sich die Teilnehmer für ein imaginäres „Foto“ zusammenfanden.

 

Zu Hause ist auf dem Sofa

 

 

Noch am gleichen Abend präsentierten Lena Rabe, Luisa Saraiva, Yara Eid und Daniel Medeiros mit „At Home“ vor dem Museum eine künstlerische Sicht auf das Leben zuhause. Was könnte das eigene Reich besser symbolisieren als ein Sofa? Vier Personen können dort schon einiges erleben – Harmonie, Langeweile, jede Menge Aufregendes...

 

 

 

 

 

 

Flashmob unter Platanen

 

Der Samstagmorgen stand im Zeichen eines Flashmobs (englisch für „Blitz“ und „Volksmenge“) unter den Platanen auf dem Marktplatz. Der Begriff wird verwendet für spontane Treffen vieler Leute auf öffentlichen Plätzen, um gemeinsam ungewöhnliche Dinge zu tun. Im Mittelpunkt dieser ebenfalls von Medeiros geplanten Aktion stand der Stuhl. Die einzige Vorbedingung zur Teilnahme war nämlich das Mitbringen eines solchen eigenen Sitzmöbels.

 

Rund um Bäume und Stühle bewegten sich neben Kulturreferentin Simone Schmidt-Apel die Sohle 1-Mitglieder Beate Alheidt, Emilia Fernandez, Jeanne Feldhaus, Susanne Jonas, Reinhard Richter, Silke Kieslich, Monika Zybon-Biermann, sowie der gebürtige Bergkamener Maler Stephan Geisler, einer der Sohle 1-Mitgründer.

 

Abschlussdiskussion im Museum

Die Rolle der Kunst heute

 

Etliche Mitglieder der Kunstwerkstatt Sohle 1 ließen sich dieses Gespräch nicht entgehen: Wohin geht die Kunst heute und wie interessiert man das Publikum dafür? Der Moderator der abschließenden Diskussion nach der Stadtbesetzung, Kulturjournalist, Autor und Kabarettist Stefan Keim, brachte es auf den Punkt: "Muss man Kunst so gestalten, das sie etwas bringt, was man verkaufen kann? Welche Rolle soll Kunst in der Gesellschaft spielen?" Gerade diese Frage sei dringlich, da der allgegenwärtige Sparzwang auf kultureller Ebene "alles, was seit dem 2. Weltkrieg aufgebaut wurde," in Gefahr bringe.Das treffe vor allem Theater, aber auch Museen und andere kulturelle Angebote.

Brandstifter: Kunst zum Mitmachen ist besser

Der Schöpfer der "Asphaltbibliotheque", bekannt als "Brandstifter" (mit bürgerlichem Namen Stefan Brand), vertrat die Ansicht, dass "partizipative Projekte besser als radikale Kunstvermittlung" seien, die den Leuten aufgezwungen werde. Der Mainzer Künstler hat seine "Bibliotheken", bestehend aus hunderten von weggeworfenen, (verlorenen, verwehten) Zetteln seit 1998 weltweit in vielen Städten aufgebaut, jeweils mit Unterstützung durch die Bürger vor Ort, die aufgefordert sind, eigene Fundstücke beizusteuern.

 

Den jeweiligen Fundus verwandelt Brandstifter in Installationen, die dann.an öffentlichen Plätzen gezeigt werden - so 2015 am Busbahnhof in Bergkamen. Er macht auch Aktionen rund um die entstandenen Arbeiten, liest die Texte vor, begleitet von Musik.

 

Ohne Schwelle keine Schwellenangst

 

Wenn solche Aktionen auf öffentlichen Plätzen stattfinden, kommentierte Stefan Keim, könne es keine Schwellenängste geben,"da es keine Schwelle gibt". Gegenwärtig boome diese Art der Konzeptkunst.

 

Dass es oft noch mehr Menschen sein könnten, die von solchen Kunstaktionen profitieren, ist eine Erfahrung, die alle Künstler schon gemacht haben. Daniel Medeiros, der vor seinem Tanz- und Choreographie-Studium an der Folkwang-Universität über Jahre bei einem brasilianischen Straßentheater mitmachte, meinte, auch Jugendliche brauchten lange Zeit, um Interesse und Verständnis für Theaterprojekte und Bereitschaft zum Mitmachen zu entwickeln.

 

Luisa Saraiva, ebenfalls bereits erfahren im Umgang mit Publikum auf öffentlichen Plätzen, gestand, dass ihre Tanz-Aktionen gelegentlich zur Verwirrung der Zuschauer beigetragen hätten.

 

Treeck: Konzeptkunst schon früh vorgestellt

 

Dieter Treeck, ehemaliger Chef der Kulturverwaltung der Stadt, Mitgründer der Kunstwerkstatt und "Vater" der Bergkamener Bilderbasare, betonte:"Wir haben immer schon versucht, Vertretern der Konzeptkunst eine Chance zu geben. " Dabei sei es wichtig einen Dialog zu schaffen:"Wir haben Kunst in Kneipen geschickt, um dann noch mit den Thekengästen darüber zu reden."

 

Dr. Peter Apel, Stadtplaner (und Mann von Kulturreferentin Simone Schmidt-Apel) lobte den Effekt einer künstlerischen Stadtbesetzung. Dort, wo sonst Kunst nicht stattfinde, vielleicht sogar wenig Begegnung , könnten Bürger sich durch solche Aktionen den Raum erneut aneignen, Stefan Keim dazu:"Das war die perfekte Zusammenfassung."